Meine erste Buchkritik!
Zu Anfang möchte ich auf den merkwürdigen Umstand hinweisen das der deutsche Krimikäufer viele skandinavische Autoren alimentiert. Ein skandinavischer Autor der nicht bei Drei auf den Bäumen ist, der wird garantiert gezwungen einen Krimi zu schreiben. Die Verkaufszahlen schwedischer Kriminalschriftsteller in deutschen Gefilden hat eine Höhe erreicht, die in keinem Verhältnis steht zur Qualität. Nicht missverstehen, es gibt auch gute skandinavische Autoren, Stig Larsson habe ich verschlungen, aber Mankells Textdramatik hatte für mich immer etwas Seniorenhaftes. Ich kann mich noch an einen Beitrag erinnern im 3SAT Kulturmagazin (ca. 3 Jahre her). Da wurde als schwedischer Autor vorgestellt, normalerweise jemand der eher der sogenannten Hochkultur zugewandt ist und sich nun anscheinend zur Finanzierung seines Blockhauses im schwedischen Ikea-Wald an die Szenierung eines Thriller versuchte. Das Fernsehteam besuchte ihn und dieser Typ schaute die ganze Zeit in die Kamera mit dem interessierten Blick eines Elfenbeinturminsassen der sich dachte “So, so, damit wird also der Trog fabriziert um den sich später die Schweine scharren”.
Manchmal werden auch brillante Thriller durch eine unsachgemäße Übersetzung verhunzt. Die deutsche Übersetzung vom Schweigen der Lämmer von Thomas Harris (Erstauflage) beim Heyne Verlag. Das war wohl eine Schnellübersetzung nach dem Motto: Schnell, schnell, Film mit Jodie Foster ist bereits in der Mache, Buch muss vorher raus. Der Übersetzer (nur ein Fehler!) verstand nicht den Unterschied zwischen einem US-Marshall (Justizvollzugsbeamter, manchmal mit Polizeibefugnis, wird übrigens häufiger falsch übersetzt) und einem Sheriff (lokale Polizeiaufsicht, Befugnis endet an der Stadtgrenze). Kleinigkeiten, aber nervig. Im übrigen hat das amerikanische FBI gegenüber dem deutschen BKA oder dem britischen New Scotland Yard eine bemitleidenswert geringe Aufklärungsquote. Hollywood bügelt dies natürlich.
Einen richtig schönen Flow hat der Ko-Autor meiner Buchempfehlung: der Niederländer Jac. Toes. Zuletzt wurde er für den flämischen Krimipreis, die diamantene Kugel, nominiert. Vorher staubte er bereits eine Nominierung für den Gouden Strop ab, dem Preis für den spannendsten Roman in niederländischer Sprache. Tatsächlich gewann er den Preis im Jahr 1998. Zusammen mit dem deutschen Autor Thomas Hoeps (Hey, wie wäre es mit einer eigenen Homepage) gewannen sie für ihren ersten gemeinsamen Roman “Nach allen Regeln der Kunst” im Jahr 2008 den Gouden Strop. Das erste gemeinsame Buch und direkt abstauben – Punktlandung. Ihr neuestes Buch lautet “Das Lügenarchiv”. Wieder mit den Hauptfiguren aus ihrem ersten gemeinsamen Roman.
Im ersten Roman wird eine Leiche in einem Museum in Mönchengladbach gefunden, dann eine Leiche in Arnheim. Nach dem dritten Mord wird klar, ein Serienmörder schlägt zu. Ein im besten Sinne grenzüberschreitende Roman. In jedem Satz erkennt der geneigte Leser Talent und die genaue Beobachtung gesellschaftlicher Realität. Wie genau ihr Blick ist, verdeutlicht beispielsweise folgender, kurzer Auszug aus ihrem ersten Roman. Mit diesem Beispiel wird ein kompletter beruflicher Zustand bei der Polizei in wenigen Sätzen präzise illustriert:
“Micky erkannte die typische Apathie nach einer nächtlichen Aktion. Um drei Uhr aus den Federn, um vier Uhr das Briefing und um fünf Uhr der Einsatz. Um acht Uhr war das gesamte Adrenalin verbraucht und der Tag hatte nicht mal angefangen”.
Nicht viele deutsche Autoren beherrschen das forcierte Tempo durch den Einsatz der mündlichen Rede. Thomas Hoeps und Jac. Toes hingegen scheinen die
darin liegende Möglichkeit zur Dramatik mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Perfekt abgestimmte Spannung wird durch eine natürliche Sprache, faszinierende Ortswechsel und einem chirurgisch scharfen Blick auf gesellschaftliche Missstände beschrieben. Ich empfand die Arbeit der beiden Autoren auf hohem sprachlichen Niveau, ohne allerdings in Goethe-hafter Penetranz darauf hinzuweisen. Gerade letzteres fällt mit häufig bei manchen deutschen Autoren schmerzhaft auf. Der höchst betrübliche Umstand das nur die wenigsten Autoren von ihrer Kunst leben können, wird kompensiert durch das Ich-bin-ein-Genie-und-ihr-Vollspacken-habt-das-noch-nicht-bemerkt Syndrom. Also kunstvoll gedrechselte Sätze die in ihrer grauen Leblosigkeit jede Seite in eine staubtrockene Bleiwüste verwandeln. Ich kann nicht genug betonen wie stark sich Thomas Hoeps und Jac. Toes davon unterscheiden. Die Autoren beschreiben das Leben in seiner satten Fülle.
Bei einem deutsch-niederländischen Autoren-Duo dürfen ironische Seitenhiebe auf den Nachbarn natürlich nicht fehlen. Aus dem Buch “Das Lügenarchiv”:
“…Und er hat akzeptiert, dass sie für eine Überweisung der Kaution nach Deutschland eine satte Gebühr verlangten. So viel Bereitschaft zur Geldverschwendung vergisst ein niederländischer Kaufmann nicht. Erst recht nicht bei einem Deutschen”.
Das erste Buch gefiel mir einen Tick besser, bin aber davon überzeugt das die berufliche Entscheidung ihres Hauptdarsteller Robert Patati am Ende des zweiten Buches viel Hoffnung für einen prallen, dritten Band übrig lässt.
Wer also bei der Riesenauswahl von Thrillern in einer deutschen Buchhandlung verunsichert ist. Bei Thomas Hoeps und Jac. Toes kann er problemlos zugreifen.
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Thomas Hoeps und Jac. Toes – Nach allen Regeln der Kunst. Erschienen im Grafit Verlag. www.grafit.de
Thomas Hoeps und Jac. Toes – Das Lügenarchiv. Erschienen im Grafit Verlag. www.grafit.de
Disclaimer: Die Bücher wurden mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.
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Damit verabschiede ich mich in die Winterpause.
Allen Lesern des Dutchblog nur das Beste, Schöne, Gute und Wahre.